Spuren von D.H. Lawrence

D.H. Lawrence
Der berühmte englische Schriftsteller und Dichter David H. Lawrence, der unter anderem den weltbekannten Roman “Lady Chatterley und ihr Liebhaber” verfaßte, landete im September 1912 zusammen mit seiner Gefährtin Frieda von Richthofen in Gargnano und hielt sich dort bis zum April des darauf folgenden Jahres auf. Somit ein Aufenthalt von einigen Monaten und nicht etwa nur ein simpler Urlaub, was uns erstaunt, wenn man bedenkt, welch rastlose Persönlichkeit Lawrence war. Doch wie kam er ausgerechnet auf Gargnano? Als Mitteleuropäer fand er wahrscheinlich an unserem See einen Vorgeschmack jenes mediterranen Ambientes vor, das ihn so sehr faszinierte “Und der Gardasee unter dem sonnigen Himmel war so wunderschön…”. Gargnano stellte für ihn wohl jenen Zufluchtsort vor der modernen technischen Zivilisation dar, die er so sehr verabscheute, und die Gargnanesen waren dabei die Kustoden einer archaischen und alles in allem gleichmütigen Welt, die nur wenig zerfällt und sich nicht vom Tumult der Moderne überrennen läßt. Jeder, der auch heute noch unser Dorf aufsucht, wird sich dieses Eindrucks nicht erwehren können, verbunden mit einer gewissen Melancholie, die erlebt werden muß, um deren Integrität wertzuschätzen, die aber auch, je nach Sensibili-tät, beängstigen kann. Bis zum heutigen Tag hat sich unsere Umgebung nur wenig verändert und im Grunde sind auch die Gargnanesen immer noch dieselben. Und so können wir noch immer, wenn wir durch die Gassen und über die gepflasterten Saumpfade wandern, Lawrences Eindrücke nachempfinden, mit den unseren vergleichen und uns davon ergreifen lassen, ganz so als stünden wir neben ihm.

Spuren von D.H. Lawrence
Wir beginnen mit unserem Spaziergang im Hafen von Gargnano, von wo aus Lawrence höchstwahrschein-lich seine ersten Schritte tat und laufen über die Hauptstraße (Via Roma) in Richtung Süden durch das historische Zentrum. Links von uns passieren wir die kleinen Gassen, die zum See hinunterführen. Dort, wo die Straße ansteigt, treffen wir auf die San Francesco-Kirche, die Lawrence nach Überqueren “des stillen kleinen Platzes” als “Kirche der Taube…scheu und versteckt” beschreibt (zur damaligen Zeit war die Straße noch enger, die Erweiterung in Höhe des Klostergebäudes wirkte daher wie ein kleiner Platz). Sein Blick blieb sofort im Inneren des Klosters am Kreuzgang mit ”…den mit schönen und ursprünglichen Blatt- und Fruchtschnitzereien geschmückten Säulen…” haften. Wir kommen am großen Platz mit dem Busbahnhof vorbei, folgen der Straße, die direkt am See entlangführt und spazieren hinunter zum Gemein-deteil Villa, bis wir eine kleine Steinbrücke kreuzen (Lokalität Gamberera). Richten wir unseren Blick nach oben, so erblicken wir dort eine weitere Kirche, die San Tommaso gewidmet ist, ”Kirche des Adlers, hoch über dem Dorf”, “die mit dem dünnen grauen Hals ihres Glockenturms aufrecht über den Hausdächern im Licht steht ”.Als Lawrence den kleinen Ortskern von Villa mit seinen von Bogengängen überzogenen Gassen und des so gemütlichen kleinen Platzes beschritt, wird er sich sicherlich mit den Fischern unterhal-ten haben, die an der Hafenmauer lehnten, wie auch mit den Frauen, die auf den Eingangsstufen der Wohnungen saßen und das Tagesgeschehen kommentierten. Das Haus, in dem er sich einquartiert hatte, lag nicht weit davon entfernt: man erreicht es, wenn man unter einem Gebäude hindurchgeht, das sich auf mächtige Pilaster und Arkaden stützt; weiter in Richtung Bogliaco gehend steht nach etwa hundert Metern auf der rechten Seite das in gelb gestrichene Anwesen, in dem er untergebracht war (eine Marmortafel an der Hauswand gedenkt seinesAufenthaltes – die Pension hieß zur Zeit seines Besuches Villa Igea). Sein Zimmer befand sich zur Seeseite hin “morgens liege ich oft im Bett und beobachte den Sonnenauf-gang. Der See liegt wie eine trübe und milchige Masse vor mir; die Berge dahinter sind dunkel-blau, während der Himmel über ihnen im Licht erströmt und glänzt … der Gebirgskamm erglüht an einer gewissen Stelle in goldenem Licht…”.Von seinem Zimmer aus konnte er zur anderen Seite hin auch die große Fassade einer Villa sehen, die heute Sitz der “Comunità Montana” ist, eine Villa, die von der Bevölkerung wegen der Prellsteine und dicken Ketten auf dem Vorplatz “i cadenù” (die dicken Ketten) genannt wird. Dies war das bedeutendste Gebäude der Gemeinde und zur damaligen Zeit direkt mit den weitgezogenen Limonengärten (“limonaie”) zur Rückseite hin verbunden, nunmehr in Weinberge und Olivenhaine umgewandelt, weil sich die Bebauung von Zitronenbäumen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr rentierte. Neben der Villa “dei cadenù” befindet sich ein kleiner Parkplatz mit einem überschaubaren öffentlichen Park inmitten von Olivenbäumen; setzen wir uns unter den Laubengang, so können wir in Lawrences Kapiteln über Gargnano nachlesen, welche Begeg-nungen dieser mit der Familie De Paoli, den Besitzern der Villa, hatte, und welche Eindrücke er beim Besuch der Limonen-garten Terrassen gewann, die oberhalb des kleinen Hofes ihres Anwesen lagen. Auch hier, unter dem silbernen Schein der Olivenbäume, war das Panorama bestimmt von der “Kirche des Adlers”, deren Glockenschläge die Tageszeiten verkündeten.  Durch ihre dominante Gegenwart neugierig gemacht, dachte der Schriftsteller daran, sie aufzusuchen: “Ich machte mich auf die Suche nach ihr... Ich ging über die rückwärtige Haustür in die enge, einer Schlucht gleichenden Gasse”. Der Hinterausgang des Hauses existiert noch heute (auch wenn er in ein Fenster umgebaut wurde, so kann man doch noch den Marmorrahmen von einst erkennen). Wir gehen den Fußweg in Richtung Kirche (über die via Oliva). Versuchen wir uns doch dabei einmal diesen Weg so vorzustellen, wie er ihn in seinen Erzählungen beschrieb: Da die breite Staatsstraße (“Statale”) zum damaligen Zeitpunkt noch nicht existierte (sie wird erst im darauf folgenden Jahr gebaut), ist er wahrscheinlich die kleine Straße hochgelaufen und dann auf dem mit Steinen gepflasterten Weg nach links abgebogen, der sich in der Tat ab einem gewissen Zeitpunkt von der Kirche wieder entfernt, ohne je auf sie zu treffen. Er kehrte also wieder zum Hauptplatz von Villa zurück. Beim zweiten Versuch hatte er mehr Glück: direkt vom kleinen Hafenplatz aus laufen wir noch einmal bergaufwärts in eine sehr enge Gasse namens via Volto, die neben dem bereits zuvor beschriebenen Arkadengebäude abzweigt. “Dieses Wirrwarr an winzigen Gäßchen zu durchlaufen war wie sich in ein von verstohlenen Kreaturen gebautes Labyrinth hineinzuwagen…”. Wieder im Freien angelangt gehen wir jenseits der Staatsstraße die enge Steintreppe hinauf, an einem kleinem Heiligenschrein vorbei, zur Kirche. Zwischen hohen Mauern gelangen wir ”plötzlich und wie durch ein Wunder, … auf den Kirchplatz vor meiner San Tommaso, eingetaucht in ein blendendes Sonnenlicht”: “das glänzende Licht der Sonne fraß alles auf: der Platz wirkte wie eine im Licht schwebende Plattform. Und direkt darunter, in einer wirren Ansammlung von Ziegeln, lagen die Hausdächer, und noch etwas weiter unten das fahle Blau des Wassers ... und auf der gegenüberliegenden Seite, meinen Augen und meiner Brust entgegengesetzt, befand sich der klare, leuchtende Schnee der Berge …” Wir genießen den Ausblick von der “über dem Dorf schwebenden” Terrasse und gehen dann auf einen Besuch in die “über die Jahrhunderte vom Weihrauch durchtränkte” Kirche, in der, so wie in den engen Gassen der Gemeinde, der Schatten regiert. Lawrence greift diesen Kontrast zwischen dem Dunkel der Arbeits- und Aufenthaltsorte der Gargnanesen und dem hellen Sonnenlicht am Gardasee immer wieder auf. Nach einer Rast, bei der wir erneut fast das gesamte Gardasee-Panorama bewundern können, setzen wir unseren Spaziergang fort, indem wir die Stufen neben dem Kloster hinaufsteigen und danach auf einen Fußweg einbiegen, der zur einen Seite von einer hohen Mauer und zur anderen von einem kleinen tiefen Tal flankiert ist. Der Ort ist kühl und schattig und wir können hier kurz verweilen, um wie Lawrence “das Dahinplätschern des Wassers nach unten in die dunkle Tiefe zu hören”. Der Schriftsteller kam hierher, um Ranunkeln und Primeln zu pflücken und hier wurde er auch von den ersten Schatten der Abendsonne überrascht, die durch die Tiefe der Schlucht noch mehr auffielen. Wieder zurück auf der Straße angelangt, blinzelte er ins Innere des Klosters und blieb stehen, um das langsame Dahinschreiten der Mönche zu beobachten, die “in ihren Gärten zwischen den nackten, knochigen Weinreben umhergingen, in ihrem winterlichen Garten knochiger Weinreben und Olivenbäume umherspazierten, ihre braunen Soutanen zwischen braunen Weinstöcken”. Hier residiert auch heute noch das “Europäische Zentrum für Wiederbegegnung und Wiederaussöhnung” und vermittelt uns ein Gefühl von Spiritualität: vielleicht überraschen wir ja auch sogar in der Umgebung einen Besucher beim meditativen Spaziergang. Im Grunde scheint es so als sei hier die Zeit stehengeblieben. Wir folgen  nun der “strada vecchia” auf einem mit Steinen gepflasterten Weg und laufen wieder hangabwärts. Dabei gehen wir unter einem Steinbogen durch, biegen dann an der Wegegabel nach links ab und kommen auf den Kirchplatz von San Tommaso zurück. Ein Stück weiter, hinter der kleinen Straße, die wir auf dem Hinweg gelaufen sind, unterhalb des Aussichtspunktes der Kirche, schlängelt sich eine weitere, noch um einiges schmälere Gasse, die wieder in Stufen nach unten führt. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um “die alte kaputte Treppe, bei der das Unkraut in den durch abgebrochene Trittstufen entstandenen Lücken wächst…”, die er in seiner Erzählung beschreibt und welche ihn zum ersten Mal zum Kirchplatz führte.Wir gehen diese im Schatten hoher Mauern hinunter.Wieder auf der Staatsstraße angekommen, überqueren wir diese diesmal nicht sondern gehen an ihr in Richtung Gargnano entlang. Wir biegen nach wenigen Metern links hangaufwärts in die Straße zum Hotel Palazzina ein. Eine kleine Brücke führt uns über das zuvor beschriebene enge Tal von San Tommaso. Ein Stück weiter oben zweigt ein ebener Pfad unterhalb des Hoteleingangs ab. Das Hotelgebäude selbst erinnert
durch seine großen Glasflächen an die Bauweise der Limonengärten. Etwas weiter, wo die Mauern kleiner werden, eröffnet sich uns erneut eine Aussicht auf die Häuser und den See. Die großen Stufen der Limonaien unter uns sind in Gemüsegärten umgewandelt worden, übrig geblieben sind neben einer unheimlich stark duftenden Hecke von Rosmarinbüschen die Gerippe einiger “nackter Steinsäulen, die wie Tempelruinen aus dem grünen Laubwerk ragen...”. Nur ein kleines Stück weiter führt eine enge Gasse zu einer der wenigen noch aktiven Limonaien hinunter, die nach Anmeldung besichtigt werden kann (der Besuch kann für kleine Gruppen bei der Familie Gandossi unter der Telefonnummer 0365/71543 reserviert werden). Den Limonenpflanzungen widmete Lawrence in seinen Erzählungen viel Platz. Die Fähigkeit der Zimmerer von damals, die Treibhäuser abzudecken, faszinierte ihn: “Dabei wandelten sie behende von Säulenspitze zu Säulenspitze mit einem riesigen Luftloch unter ihren Füßen”. Ebenso beeindruckte ihn ihre eifrige, zu gewissen Jahreszeiten geradezu betäubende Betriebsamkeit, “das Tönen und Knallen der Bretter, die übereinandergestapelt wurden, was von der Bergseite her bis über den See hin erklang…”. Auch der Besuch der Limonaia, den er in der Winterzeit machte, beeindruckte ihn, den Liebhaber des Lichtes, aufgrund des gespenstischen Dunkels sehr: “...die armen Bäume scheinen im Dunkel zu versinken…wir alle, Bäume, Menschen, Säulen, die dunkle Erde und die traurigen schwarzen Pfade sind wie Gefangene dieses riesigen Kastens…”. Treten wir wieder aus dem Halbschatten der Limonengärten, so lassen auch wir uns in der Tat von der Helligkeit des Sees stärken. Wieder zurück bei den Rosmarin-büschen steigen wir den Fußweg hinauf, überragt von einem alten Steinhäuschen, in dem die Bretter der Limonaien aufbewahrt wurden. Das Häuschen lehnt auf einer hohen Arkade und ist heute ein Wohnhaus (im allgemeinen das Los fast aller dieser Bauten). Wir erreichen kurz darauf einen wirkungsvollen Wegeschnittpunkt. Folgen wir nun von hieran, leicht bergab, der via Torrione (im letzten Abschnitt der “Wanderung der Santelle” beschrieben), so gelangen wir wieder nach Gargnano vor die “Kirche der Taube”, der wir beim Abmarsch begegnet waren und wir können erneut in den Gassen flanieren, die von den “Kindern des Schattens” bewohnt werden, wie Lawrence sie beschrieb.
Text von Franco Ghitti

Übersetzung: Susanne Schick - Gargnano. Die kursiv geschriebenen Sätze stammen aus dem Buch “D.H. Lawrence and Italy” aus den Kapiteln “Twilight in Italy”, die D.H. Lawrence während seines Aufenthaltes in Gargnano schrieb. Lawrence Bildnis : Lino Maceri. Andere Bilde: und Karte Franco Ghitti

 

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